Titelseite
Anzeigen
Archiv
Impressum
Eine Wanderung
Böhmerwälder Herbst - Notizen 2006, Teil 2
Gerd Hanak, 9. November 2006
m eher "rückständigen" Mähren gab es ja den Bauernbefreier Hans Kudlich, der die Freiheit der Bauern bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts durchsetzte. In Böhmen gab es offensichtlich keinen Hans Kudlich, denn eine vergleichbare Freiheit gab es für die Bewohner von Fürstenhut erst 1913!
Nachdem uns der Aufenthalt im "deutschen Gebiet" nicht möglich war, entschlossen wir uns, auch noch den Boubin, den höchsten Berg im "böhmischen Böhmerwald" zu besteigen. Wir gehen ja als deutsch-tschechische Gruppe, der Boubin ist also ein Zugeständnis an die tschechische Teilnehmerseite.
Wir stellten das Auto an der Bahnstation "Kubova Hut" ab und gingen die gut 5 km auf den 1362 Meter hohen "Gipfel".
Dort gibt es einen Aussichtsturm, damit man die Landschaft "über den Gipfeln" der Tannen genießen kann.
Oben erinnert ein Gedenkstein an "Kardinal Friedrich, Fürst von Schwarzenberg". Ob der wohl auch zu Fuß nach oben ging?
Betrachtet man so die Bilder der Kirchenfürsten vergangener Tage, möchte man ihm den Fußmarsch gewünscht haben. Aber es ist wohl eher anzunehmen, dass er "gehen ließ", er aber hoch zu Roß, das ein Diener zu Fuß führte, wanderte!
Ich neide ihm die heimlichen Flüche der Bediensteten nicht. Mit dem Abstieg vom Boubin enden unsere "Böhmerwälder Tage 2006", die wir aber im neuen Jahr, hoffentlich in ,,weißer Pracht" fortzusetzen gedenken.
Südböhmen ­ oder: Was hat sich eigentlich ver- oder geändert? Wir waren zuletzt vor gut 10 Jahren in Südböhmen. Welch eine Veränderung gab es in der Zwischenzeit! 1995 gab es noch keinen Lidl, kein Bauhaus, keinen Penny und auch noch kein Kaufland. Von Norma und Tesco ganz zu schweigen. Hotels oder Pensionen waren so dünn gesät, dass man schon gar nicht danach suchen mochte. Deutsche Aufschriften gab es allenfalls in Cesky Krumlov/Krummau, aber auch dort nur wegen Egon Schiele. Und heute: In Oberplan/Horni Plana ist so gut wie jede geschäftliche Anpreisung zweisprachig, tschechisch und deutsch. Sogar Immobilien werden auf deutsch angeboten, obwohl doch bekannt ist,
dass auch EU-Ausländer solche nicht erwerben dürfen.
Da ist wohl der Strohmann bereits einkalkuliert. Einen deutschen Besucher kann das zunächst nicht besonders beeindrucken, kommt er doch aus einem Land, wo auch der Immobilienhandel liberalisiert ist und vor allem von nationalem Getue befreit wurde. Aber wie wirkt das auf tschechische Menschen, die doch im Glauben gehalten wurden, die Deutschen ein- und für allemal aus dem Lande vertrieben zu haben?
Die Radler oder auch Autofahrer im Böhmerwald werden die "Segnungen" der EU zu schätzen wissen. Man darf annehmen, dass sie einer Altersgruppe angehören, die von steigenden Einkommen profitiert.
Aber wie sieht es bei den Rentnern aus? Sie gehören heute einer Altersgruppe an, der man erzählte, dass alles im Lande ohne die Deutschen viel besser werde. Edvard Benesch hat das in seinem Gespräch mit Stalin im Dezember 1943 ja betont, dass die Enteignung / Verstaatlichung der Banken, des großen Industriebesitzes im tschechischen Nationalinteresse liegen würde, da solcher Besitz ohnehin und überwiegend den Deutschen gehören würde.
Und heute? Die Rentner kaufen bei Kaufland ihr "tägliches Brot", ihr Obst und sonstiges zum Leben notwendige ein. Oft zähneknirschend, wie man manchmal am Biertisch erfahren kann, aber trotzdem, weil die geringen Renten "nationale Einkäufe" kaum erlauben, sofern sie überhaupt noch möglich sind. Die "Segnungen der EU" gehen an dieser zahlenmäßig starken Wählergruppe vorbei. Sie bemerken nur, dass alles teurer wird, die Strom- und Gaskosten, die Mieten und Arztkosten.
Ihre Renten aber werden kaum angepasst. Politiker nutzen das aus und schieben alle nachteiligen Entwicklungen auf die EU. Die verursacht die höheren Preise und alles Negative. Mich erfüllt das alles mit großer Sorge und auch mit Unbehagen.
Denn, wie man in Polen aktuell erleben kann, können das unverantwortliche Politiker leicht in antideutsche Ressentiments kanalisieren.
Das wäre heute kein großer Nachteil für Deutschland und die Deutschen. Aber wo bleiben die Tschechen? Ich mache der Überzahl der tschechischen Politiker den Vorwurf, dass sie nach wie vor die Karte der nationalen Überhöhung spielen und wider besseres Wissen (so hoffe ich) versuchen, ihren Wählern die wahren europäischen Verhältnisse zu verschleiern. Diese sind keine deutsche Dominanz, wie es die Polen zur Zeit vergeblich versuchen, der Welt klar zu machen.
Europa hat viele der vergangenen national bedingten Konfliktpotentiale hinter sich gelassen, nicht alle, aber die meisten.
Das sollten die tschechischen Politiker ihren Wählern zu vermitteln versuchen. Das wäre ihre Aufgabe. Wenn also der heutige Rentner seine Bananen beim Kaufland kauft, wird er sich vielleicht denken, dass sich ja eigentlich gar nichts geändert hat: Seine Mutter kaufte auch im deutschen (jüdischen) Kaufhaus und er selbst tut es auch wieder.
Hat sich wirklich nichts geändert? Doch eine ganze Menge, nämlich: Der Besitzer des Kaufhauses, bei dem seine Mutter einkaufte, war zwar vielleicht Deutscher, aber Sudetendeutscher, ein Deutsch Böhme, mit einer Verbindung zu seinem Land, das immerhin Böhmen hieß.
Der Besitzer von "Kaufland" sitzt irgendwo in Baden-Württemberg und hat vielleicht Böhmen noch nie gesehen, ist vielleicht auch gar nicht daran interessiert, solange das Geschäft sich positiv entwickelt.
Wenn ich also meine etwas ungeordnete Gedanken auf den Punkt bringe: Die tschechische Gesellschaft ist trotz EU-Mitgliedschaft nicht auf die gegebenen Verhältnisse im heutigen Europa vorbereitet. Es gab unter Präsident Havel zu Beginn seiner Präsidentschaft hervorragende Ansätze, dieses Defizit zu überbrücken. Das aber scheiterte an den nationalistischen "Betonköpfen".
Nach Havel aber kam der große Schritt, rückwärts in die Vergangenheit. Und keiner ist in Sicht, der den Mut hat, die Reaktionäre in die Schranken zu weisen. Eine Erklärung, ähnlich der, welche die deutschen Heimatvertriebenen bereits 1950 mit ihrer Charta Europa und der Welt gaben, ist leider von dieser einflussreichen Personengruppe nicht zu erwarten.
Ich schrieb einmal, dass Dr. Edvard Benesch leider kein Alcide de Gasperi war, obwohl er es hätte sein können, aber er war auch kein Charles de Gaulle, wie es V. Havel einmal darzustellen versuchte. Aber wer könnte es denn einmal werden? Ich setzte früher auf Václav Klaus, dem heutigen Präsidenten.
Aber er wird es nicht sein. Der Rentner wird sich vielleicht über die "Rückkehr der Deutschen" ärgern, aber nach wie vor seine billigen Bananen bei Kaufland kaufen und auch bekommen, so lange wie die Konzernlenker kein günstigeres Geschäftsfeld sehen. Er kann sich ja auch damit trösten, dass viele der Produkte in den Regalen aus dem Inland stammen.
Vielleicht weiß er auch, dass der Produzent des Einkaufswagens, den er durch die Gänge schiebt, immerhin aus der Tschechoslowakei stammt. Ein aus dem Lande vertriebener Sudetendeutscher ...
Auch Industriebetriebe werden weiter in Böhmen und Mähren produzieren, solange Lohnkosten niedrig genug sind und sich das rechnet,
dann aber werden Fertigungsstätten abgebrochen und in die Ukraine oder gar nach Usbekistan verlegt. Wo aber bleibt die zukunftsweisende tschechische Antwort? Man wird sich vielleicht den Polen auf das "Zentrum gegen Vertreibungen" einschießen. Aber das wäre nur Scheingefecht, dazu geeignet, den wahren Problemen aus dem Weg zu gehen.

Geschrieben im Oktober 2006.

Teil 1
     
Druckansicht   Per E-Mail versenden   Leserbriefe