Gerd Hanak, 6. November 2006

er heute im mittleren Böhmerwald mit dem Auto unterwegs ist, kommt manchmal aus dem Staunen nicht mehr heraus: Dort wo sich noch vor wenigen Jahren holperige und mit Schlaglöchern gespickte Sträßchen durch die Gegend wanden, kann der Autotourist heute auf
zwar nach wie vor engen, aber sehr gepflegten Straßen die Gegend genießen. Die Angst vor gebrochenen Stoßdämpfern gehört der Vergangenheit an und weil die Straßen nach wie vor kurvenreich und verhältnismäßig eng sind, verbietet sich selbst für die waghalsigsten Autofahrer ein allzu schnelles Fahren. Bremsend wirken auch die ungewöhnlich vielen Fahrradtouristen, die die so schön hergerichteten Fahrwege nicht alleine den Autofahrern überlassen wollen Recht haben sie!
Wir fuhren also von Horni Vltavice/Obermoldau nach Borova Lada/Ferchenhaid. Dort, in Ferchenhaid löst sich das Geheimnis, wem wir diese so schön gepflegten Sträßchen zu verdanken haben: Der EU, der Europäischen Union. Freundlicherweise sind die Schilder, die darauf hinweisen, dass der Straßenbau über den Entwicklungsfonds der EU finanziert wurde, groß genug um nicht übersehen zu werden. Wie man sieht, ist die CR zumindest auf diesem Gebiet gut auf den EU-Beitritt vorbereitet gewesen. Die Pläne müssen schon in den Schubladen der Straßenbauämter gelegen sein, anders wäre das hohe Tempo ja gar nicht zu erklären. Vielleicht hätte man als freundliche Geste die deutschen Ortsnamen dieser ehemals deutschen Gemeinden am Ortseingang aufführen sollen, denn auch die aus dieser Gegend vertriebenen Deutschen und deren Nachkommen tragen mit ihren Steuergeldern zum Entwicklungsfonds der EU bei.
Wollen wir gemeinsam eine einfache Rechnung aufmachen? Nach allgemeiner Kenntnis trägt Deutschland zu etwa 30 % die Netto - Finanzierung der EU. Rechnen wir einmal, dass der bundesrepublikanische Bevölkerungsanteil der Vertriebenen bei etwa 20 % liegt.
20 % des 30-prozentigen Finanzierungsanteiles sind immerhin 6 %. Das ist theoretisch der Beitrag, den die enteigneten und vertriebenen
Deutschen heute zur Finanzierung von solchen Entwicklungsprojekten in den Vertreiberländern leisten. Rechnen wir noch ein wenig weiter: Unter den ursprünglich 13 Millionen Vertriebenen waren 3,5 Millionen Sudetendeutsche, grob gerechnet also ein Viertel. Der sudetendeutsche Beitrag beträgt also gut 1,5%. Nicht viel? Eine ganze Menge, damit ließen sich viele Ortsschilder um die deutschen Ortsnamen ergänzen. Oder aber die tschechische Regierung verzichtet auf diesen Sudetendeutschen Anteil zugunsten der Finanzierung des Berliner "Zentrums gegen Vertreibungen".
Gedanken sind das die einem so auf langen Wanderungen kommen. Die Wanderung zum Grenzkamm muß man allerdings zu Fuß machen.
Das bedeutet, dass das Auto in Borova Lada/Ferchenhaid stehen bleibt und die gut 7 km auf "Schusters Rappen", die heute allerdings meist "Schimmel aus Herzogenaurach" sind, bergauf zu meistern sind. Ein wenig Vorsicht ist trotzdem geboten, auch wenn wirklich kein Auto fährt, denn die Mountainbikefahrer genießen die Fahrt bergab und für diese gibt es keinerlei Geschwindigkeitsbegrenzung.
Aber wir gehen ja noch bergauf. Der Weg erinnert mich ein wenig an die Pyrenäenüberquerung auf den Spuren der Jakobspilger. Am Ende aber wird man belohnt. Man kommt nach Fürstenhut, oder an die Stelle, an der einst die deutsche Gemeinde Fürstenhut war. Da möchte man doch einen Appell loswerden:
Liebe tschechische Freunde, wenn es Euer Nationalstolz schon nicht zulässt, auch die deutschen Ortsnamen zu verwenden,
könntet Ihr doch wenigstens den Wegweiser zum ehemaligen Friedhof Fürstenhut zweisprachig machen, denn die meisten deutschen Besucher können mit dem Hinweis "hrbitov" wenig anfangen, also bitte schreibt doch "Hrbitov/Friedhof"
auf das Schild und wenn es geht,
auch noch die Entfernung. Folgt man dem Schild nach links, sind es immerhin gut 2 km zum Friedhof, folgt man dem, das geradeaus zeigt, ist es weniger als 1 km. Die ehemaligen Deutschen aus Fürstenhut haben mit der gepflegten Anlage dieses Friedhofes eine Touristenattraktion geschaffen. Auch das wäre eine solch kleine Geste wert.
Der Friedhof ist wirklich sehenswert und man sieht, dass viele Fahrradtouristen eine Rast machen, die Gräber besichtigen und sich vielleicht auch ein paar Gedanken über die fehlenden Grabsteininschriften machen. Am Gedenkkreuz an der Stelle, an der einst die Kirche stand,
steht tatsächlich das Wort "vertrieben", das ist selten, weil es meist von den örtlichen Behörden abgelehnt wird. Allerdings, im tschechischen Text ist das Wort "vyhnany" überpinselt, aber lesbar.
Der Ort, die Lage, die Aussicht Richtung Bayern, die Ruhe laden zum Verweilen ein.
Für den Rückweg gibt es eine Alternative: Es ist ein unbefestigter Pfad durch den Wald, mit vielen Gelegenheiten, über freiliegende Wurzeln zu stolpern. Das kann leicht passieren, denn auch die Radfahrer schätzen diesen Weg und rauschen durch die Bäume wie weiland "Lützows wilde verwegene Jagd". Da empfiehlt sich für den Fußgänger mancher verwegene Sprung in die Büsche. Aber auch das gehört zu einer solchen Wanderung. Wenn man dann am Auto mit großer Erleichterung die Wanderschuhe auszieht, hat man gut und gerne eine Tour von 18 km gemacht und eine sehr schöne Ecke des Böhmerwaldes gesehen.
Das schon genügend gepriesene Sträßchen führt nun weiter nach Kvilda/Außergefild, wo man in der Ski-Pension eine gute und preiswerte Unterkunft findet. Auch die Speisekarte hat einiges zu bieten und nach so einer Wanderung braucht man kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn die Portion ein wenig größer als gewohnt ist.
Ja und wer möchte, der kann dann am nächsten Tag gleich wieder zu einer neuen Tour starten: Diesmal zur Moldauquelle und weiter zur ehemaligen deutschen Gemeinde Buchwald/Bucina. In Anbetracht der gestrigen Wanderung hatten wir uns zunächst nur die Moldauquelle zum Ziel gesetzt, aber weil es mit jedem Schritt besser ging, haben wir uns zum Weitermarsch entschlossen. Die Moldauquelle selbst ist, wie viele solcher Flussursprünge, wahrscheinlich per Beschluß dazu befördert worden. Es gibt dort eine Anzahl anderer Quellen, die es auch hätten werden können. Aber so ist es halt in der Welt, die einen werden unverdient belohnt, die anderen gehen leer aus.
Der Weg nach der Quelle wird nun zunehmend schlechter und auch die Umgebung stimmt traurig: Tote Wälder fast so weit das Auge reicht, aber sonderbarerweise nur auf tschechischer Seite, im nahen Bayern ist es grün.
Die 4 km bis Buchwald sind eine kleine Plage, für die Radler gibt es Hinweisschilder, dass das Rad bergab geschoben werden soll. Das kümmert diese aber wenig und so werden die überraschend wenigen Fußgänger auf die Seite gedrängt! Wer will schon einen Zusammenstoß riskieren? Aber, das sei zur Ehrenrettung gesagt, wir trafen nur auf wahre Artisten auf dem Drahtesel. In Buchwald selbst fällt zunächst ein riesiger Neubau auf, der schon von
Fürstenhut aus ins Auge stach: Ein Hotel mit allem Komfort soll dort an der Stelle entstehen, an der einst "Seibels Hütte" stand, das "einzige tschechische Haus" in Buchwald, so steht es auf der Informationstafel. (Können Häuser tschechisch oder deutsch sein?) Es sieht aber so aus, als seien die Fertigstellungsarbeiten eingestellt worden, denn ursprünglich hätte man schon für Weihnachten 2000 einen Aufenthalt reservieren können.
Wahrscheinlich hat sich da einer eine Baugenehmigung im Nationalpark besorgt und bekommen und erst später kam der Einspruch der Parkverwaltung wegen des Verkehrs und anderer Störfaktoren.
Buchwald selbst: Ein kleines Kreuz mit einer deutschen Inschrift, dass man der Toten gedenke und eine Kapelle mit der Aufschrift "Gelobt sei Jesus Christus". Anders als in Fürstenhut sind hier noch Mauerreste zu erkennen.
An der Nationalparkinformation laden Tische und Bänke zum Picknik ein, allerdings nur für diejenigen, die sich etwas mitgebracht haben.
Hier in Buchwald gibt es einen Fußgänger-Radfahrer Grenzübergang nach Finsterau. Eine Ge(h)gend, in der man die Seele baumeln oder seine Gedanken fliegen lassen kann: Für meine Eltern war die verlorene Heimat in weiter Ferne, natürlich nicht in deren Gedanken, aber geografisch praktisch unerreichbar. Ich bin mir nicht sicher, wie man sich leichter damit abfinden konnte, glaube aber doch, dass es aus großer Entfernung einfacher war, als wenn man den Heimatort so zum greifen nahe, aber doch fern wie den Mond vor sich hatte, insbesondere, wenn man dann auch noch dessen Zerstörung mit ansehen musste!
Wir haben uns in Fürstenhut und hier in Buchwald viele Gedanken gemacht, was wohl den einmaligen Charme dieser Landschaft ausmacht.
Wir kamen zu dem Ergebnis, dass es wohl die Kulturlandschaft sein muß, die noch nicht völlig von der Natur zurückerobert wurde und die deshalb auf den sensiblen Besucher wie eine englische Parklandschaft wirkt.
Ich jedenfalls kenne wenige undramatische Landschaften, die sich mir so tief einprägten. Die vielen, teilweise sturmerprobten Vogelbeerbäume zwangen mich zum fotografieren in die Wiesen. Hier ist eine weitere Entscheidung für den Wanderer fällig: Es gibt nämlich
eine Busverbindung Kvilda/Außergefild - Buchwald/Bucina. Aber wann geht der Bus? Auf ihn warten? Wir entschlossen uns, nicht zu warten, sondern einfach zu Fuß weiter zu gehen.
Vielleicht sollte ich eine Anmerkung zu unserer "Gehensweise" machen. Wir gehen mit "Nordic Walking" Stöcken. Da geht man verhältnismäßig schnell! Wir waren mit großer Befriedigung längst vor dem Bus wieder in Kvilda/Außergefild. Mit gutem Gewissen konnten wir uns später in unserem Quartier dem Hirschsteak widmen. Allerdings, die Vogelbeersoße wird nicht zu meiner Lieblingssoße gehören,
neugierig wie ich nun einmal bin, versuchte ich sie, aber es geht nichts gegen Preißelbeeren zu Wildfleisch!
In Kvilda/Außergefild gibt es sogar einen Gedenkstein zum EU-geförderten Straßenbau! Den Besuch des Museums müssen wir der nächsten Skitour überlassen. Weiter geht unsere Tour auf der EU-Straße nach Mader/Modrava. Quartier im Hotel Modrava. Das Hotel ist sehr schön und die Zimmer wunderbar eingerichtet.
Die Speisekarte? Eine Sehnsucht nach Kvilda/Außergefild entsteht. Und den "frischen Burcák (Federweißer) aus Südmähren"? In Böhmen sollte man besser beim Bier bleiben. Zunächst war ja ein gemütlicher Tag vorgesehen, mit der Besichtigung des Chrytitz-Tettauer Schwemmkanals. Leider aber konnten wir nicht im Hotel bleiben, es war ausgebucht.
Den Schwemmkanal besuchten wir trotzdem. Das muß für 1799 eine tolle Leistung gewesen sein: Sowohl die Vermessung als auch die Bauausführung! In solch einer gebirgigen Landschaft einen Kanal anzulegen, der über 14 km ein Gefälle von nur 0,8 % aufweist ist wirklich bemerkenswert. Der Kanal aber ermöglichte den Transport ganzer Baumstämme bis zur Moldau, und über die Elbe bis nach Hamburg!
Gebaut haben ihn wohl die Waldarbeiter, die von den Grundbesitzern, den Kinsky und Schwarzenberg, hierher gebracht wurden.
Teil 2