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Luftschiffe in Teplitz
Deutsch-tschechische Fliegerei in Böhmen, Teil 2
Josef Kapoun, 2. Oktober 2006
Im August 1901 gab ein anderer Teplitzer, Dr. Josef Weil die Broschüre "Krockers lenkbares Luftschiff" heraus, mit welcher er sich bemühte auf diese Erfindung von Krocker breite Bevölkerungskreise aufmerksam zu machen.
Teplitz (seit 1905 Doppelstadt Teplitz-Schönau, Teplice-Šanov) wurde im Jahre 1911 Sitz eines deutschen Vereins zur gesellschaftlichen Geniessung und militärisch-orientierten Förderung der Luftschiffahrt in Böhmen und Österreich-Ungarn.
Teplitz-Schönau war zur damaligen Zeit ein berühmter Badekurort, eine Stadt und Region mit vielen Unternehmern, Industrieführern, Beamten, von Schulen und Ämtern. In der Stadt wohnten Direktoren, die täglich in verschiedene Unternehmen fuhren. Generaldirektoren und Großgrundbesitzer wohnten auch in ihren Schlössern in Prag und Wien.
Dieser international berühmter Kurort (auch Klein-Paris genannt) war auch eine sehr bedeutende Industriestadt und -region (z. B. mit den meisten Aktiengesellschaften in der k.u.k. Monarchie), hatte 1910 etwa 50.000 Einwohner (wie auch heute noch), davon etwa
95 % deutscher Nationalität, eingeschlosses etwa 8000 deutschprechende Juden.
Teplitz-Schönau hatte damals nach Prag die zweitgrösste jüdische Gemeinschaft. Die in der Regel gut und vorzüglich situierten Juden integrierten sich bestens in die deutsche Mittelschicht und Bourgeoisie. Dies im ganzen norböhmischen Industriegebiet.
Teplitz-Schönau wollte sich stets den prominenten Gästen bestens vorführen, und der Magistrat bat ab und zu bei Gelegenheit reiche Einwohner bzw. Unternehmer mitzuhelfen. Z.B. schrieb im Jahre 1905 Bürgemeister Husak: "... Die grosse Reise des Generalstabes beginnt diesjährig in Teplitz. Unter der Führung des Chefs des Generalstabes von Beck werden dabei 3 Generale und 40 höhere Offiziere teilnehmen. Damit die hochgeschätzten Teilnehmer von Teplitz den besten Eindruck erhalten, bittet der Stadtrath Ihre Hochwürden für diesen Tag Ihr Automobil auszuleihen. Eine ähnliche Aktion wiederholte sich im Jahr 1913, als Teplitz 25-30 amerikanische Ärzte zum einem Kongress besuchten.
Auf Anregung des Landesverbandes für Fremdenverkehr in Prag, unterstützt durch den Böhmischen Nordwestlichen Automobilklub, begannen im Jahr 1910 einige Enthusiasten aus Teplitz und anderen deutsch-böhmischen Teilen Böhmens den Gedanken der Gründung eines Luftschiffahrtvereins zu propagieren.
Der vorbereitende Ausschuss kam zum ersten mal am 5. Dezember 1910 in Teplitz zusammen. Er sprach folgende deutsch-böhmische Kreise an wie Hochschulen und andere Bildunsgstätten, Städte und Gemeinden, die Armee, Industrie- und Handelsfirmen, Banken, Automobilvereine, Wintersportvereine, Vereine der Luftfahrt und der Fliegerei in Östereich-Ungarn und in den Nachbarländern.
Schon bei der Verbreitung ihrer Absicht einen Luftschiffahrt-Verein zu gründen, vor allem mittels der deutsch-böhmischen Presse, wandten sich die Initiatoren vorrangig an militärische Kreise, um deren Gunst zu gewinnen. Denn zum Vorhaben des Vereins gehörte von Anfang an die Erfüllung "kriegerischer" Zwecke.
Nach sechs Wochen vorbereitender Arbeiten fand am 29. Januar 1911 die
Gründungs-Sitzung statt, in welcher unter anderem die Bezeichnung "Deutscher Verein für Luftschifffahrt und Aviatik in Böhmen", mit Sitz in Teplitz-Schönau verkündet wurde. In Teplitz gab es damals schon an 80 verschiedene Vereine: Sängerverein, Leseverein, Schützenverein usw.
Die Gründungssitzung eröffnete der (deutsche) Bürgermeister von Teplitz-Schönau, Johann Husak. Er begrüßte vornehme Gäste wie: Vertreter der Handelskammer in Reichenberg/Liberec und Eger/Cheb, Professoren der Deutschen Universität und der Deutschen Hochschule in Prag, den Sekretär des Landesverbandes für Fremdenverkehr, den Vertreter des Nordwestlichen deutschen Automobilklubs und andere bedeutende Teilnehmer. Er erklärte, daß seine Stadt stolz darauf sei, an der Förderung der Luftfahrt in Deutsch-Böhmen teilnehmen zu können.
Teplitz wurde als Sitz des Vereins deshalb gewählt, weil es als Industriestadt ersten Ranges in der Nähe des Leitmeritzer Kessels lag (geografische Einzugspforte aus Sachsen nach Böhmen). Dazu eigneten sich Hänge bzw. Flugplätze des sehr nahen Erzgebirges bestens für die Betreibung von Gleitflügen und Flugexperimenten (Nollendorf-Naklerov, Babina).
In der Gründungssitzung wurde die Hauptleitung gewählt: Präsident des Vereins wurde der Generaldirektor Brunno Ritter von Enders, Vizepräsident Dr. Eugen Graf Ledebur- Wickeln; weitereVizepräsidenten wurden der Grossunternehmer aus Karlsbad Heinrich Edler von Mattoni, Professor Alfred Birk von der deutschen technischen Hochschule in Prag, Oberstleutnant Hermann Hörners aus Theresienstadt (bei Leitmeritz), Major d. R. Wagner aus Leitmeritz und andere Personen, natürlich alles Deutsche.
Der gerade gewählte Präsident des Vereins übernahm die weitere Führung der Gründungssitzung und führte u.a. aus, daß die bereits in Östererich-Ungarn existierenden verschiedenen Flugvereine, wie z. B. der Österreichische Aeroklub (gegr. 1881, 151 Mitglieder), und der k-u.k Flugtechische Verein, beide mit Sitz in Wien, von nun an vom Deutschen Verein für Luftschifffahrt und Aviatik in Böhmen mit Sitz in Teplitz betreut werden. Er las Begrüssungstelegramme vor, nämlich von:
Graf Attem, Präsident des Oberösterreichischen Vereins für Luftschiffahrt,
Verein für Luftschiffahrt in Tirol;
Dr. Kilian Frank, Präsident des Flugvereins Karlsbad (gegr. 1894);
Flugtechnischer Verein in Mähren (Sitz in Brünn, Mähren, gegr. am
3. Februar 1909, 1300 Mitglieder).
In seiner weiteren Ansprache betonte der Präsident, dass sich der Teplitzer Verein in Deutschböhmen auf ein vorzügliches Dreigestirn stützen kann, nämlich auf:
1.Unternehmer und Flugzeugkonstrukteur Etrich, der in der Monarchie die besten Flugzeuge baue;
2.Ing. Porsche, Konstrukteur und Hersteller von Motoren, welche auch das Mutterland der Fliegerei, Frankreich importiert;
3.Illner, den erfolgreichen Flieger.
Als Hauptaufgaben des Vereins wurden festgelegt:
Gewinnung nicht nur von kapitalstarken und intelligenten Mitgliedern, sondern auch der ganzen Öffentlichkeit, und zwar durch Publikationen in der Presse, Vorträge und Ballonflüge;
Kauf eines Ballons;
Durchführung von Bauten, Einrichtung einer Flugschule u. ä.
In der Gründungssitzung wurden auch die Statuten des Vereins festgelegt. Sie wurden so formuliert, daß sie leicht geändert werden konnten. Die Statthalterei in Prag genehmigte sie nachträglich.
Der Verein gab sich offiziell zum Ziel "... immer auf die Hebung der vaterländischen Luftfahrt und damit auch auf die Stärkung der Wehrkraft des Reiches abzielenden Bestrebungen mit größerem Nachdruck als bisher fortsetzen zu können. ... Die Aufgabe unserer Vereinigung ist es, an diesem Aufblühen des österreichischen Luftfahrtwesen mitzuarbeiten, indem wir in den weitesten Kreisen des Volkes dafür Interesse zu wecken und zu festigen vorhaben.
Sie nannten sich "wir Österreicher", denn sie waren Bürger der Östererichisch-Ungarischen
Monarchie, also keine Reichsdeutsche. Obwohl man mit der Bezeichnung „Sudeten-
deutsche" schon ab dem Jahr 1910 begann.
Bei der Sitzung des Vereinsausschusses vom 4. Mär 1911 übernahm auf Vorschlag die Präsidentschaft des Vereins Adolf Graf Waldstein, k. u. k. Kämmerer und Grossgrundbesitzer in Dux-Duchcov. Per Telegramm übernahm im März 1912 die Patronatschaft Se. k.u.k. Hoheit, der durchlauchtigste Erzherzog Karl Franz Josef (ab dem Jahre 1916 Kaiser der Monarchie). Damit wurde nach Worten des Ausschusses die grosse Bedeutung und Anerkennung des Vereins von der höchsten Stelle anerkannt.
Im Jahresbericht für das Jahr 1911, herausgegeben im Jahr 1912 in Teplitz-Schönau, wurden namentlich 89 zahlende Mitglieder aufgeführt. Es waren Deutsche aus verschiedenen Städten, Institutionen und von verschiedenen sozialen Rängen und Berufen. Es waren Adelsleute, Fabrikanten, Grossgrundbesitzer, Abgeordente aus verschiedenen Parlamenten (einschliesslich des Reichsparlaments in Wien),Direktoren von Banken, Eisenbahnen, Kohlengruben, Professoren, Rechtsanwälte, Bürgermeister von Städten und Gemeinden. Sie waren domiziliert in Teplitz, Karlsbad, Franzensbad, Eger, Dux, Bilin, Brüx, Aussig, Reichenberg, Prag, Leitmeritz, Tetschen, Leipzig, Brioni, Kufstein und anderswo.
Es gehörten zu ihnen namentlich:
Se. Durchlaucht Fürst Carlos Clary-Aldringen, Teplitz
Se. Durchlaucht Erbprinz Johann Schwarzenberg, Protivin
Wilhelm Keller, Reichs- und Landtagsabgeordneter und Grossindustrieller, Oberleutensdorf
Karl Wolfrum, Grossindustrieller, Aussig
Viktor Schick, Grossindustrieller, Oberleutensdorf
Ignaz Petschek, Kohlengrosshändler, Aussig
Theodor Freiherr von Liebig, Mitglied der Herrenkammer und Grossunternehmer, Reichenberg
Dr. Viktor Freiherr von Coudenhove
Brunno Ritter von Enderes, Generaldirektor in Teplitz
Dr. Eugen Graf Ledebur-Wicheln, k.u.k. Kämmerer, Arzemusch
Hienrich Edler von Mattoni, Herrschaftsbesitzer, Karlsbad
Josef Mühlig, Grossindustrieller, Teplitz
Adolf Graf Waldstein, k.u.k. Kämmerer, Dux
Johann Husak, Bürgermeister, Teplitz-Schönau
Franz Freiherr von Ringhoffer, Industrieller, Prag
Baron Wolf-Zdekauer, Prag
Josef Joachim Goldberg, Bürgermeister, Warnsdorf.
Die Aktivitäten des Vereins begannen am 5. Mai 1911 mit der Veranstaltung eines Vortragsabends. Oberstleutnant Hörnes sprach fast zwei Stunden im vollem Saal des Restaurants "Lindenhof" (steht sanierungbedürftig heute noch) über das Thema "Moderne Luftschiffahrtsbestrebungen". Am 20. Mai 1911 trug Hörnes wiederum in Teplitz über das Thema "Kraftdrachen" vor. An den Flugtagen des befreundeten Königlich sächsischen Vereins für Luftschiffahrt vom 21. bis 25. Mai 1911 in Dresden nahmen zahlreiche Mitglieder des Teplitzer Vereins mit Ehefrauen teil. An diesen Flugtagen wurden neben Ballonen auch Flugzeuge schwerer als Luft vorgeführt.
Am 24. Juni 1911 nahmen einige Mitglieder des Teplitzer Vereins am Vortrag von Direktor Merck in Aussig teil.
Am 30. Juni 1911 stieg um 8 Uhr morgens in Teplitz vom Gelände des städtischen Gaswerkes der erste Ballon auf. Er war ausgeliehen, gehörte samt Piloten dem befreundeten sächsischen Luftfahrer-Verein und trug den Namen "Dresden".
Er flog über das Erzgebirge und landete nach 5,5 Stunden in Zeitz bei Gera. Am Boden verfolgten ihn einige Automobile des Nordwestböhmischen Automobilklubs.

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