G.Hanak, 4. September 2006

enn man so durch den Národní park Šumava / Nationalpark Böhmerwald wandert, sieht man allenthalben Hinweistafeln, die zum Nachdenken anregen. Das beginnt gleich hinter Ferchenhaid / Borová Lada. Dort steht das erste Schild mit der Bitte, nur markierte Wege zu benutzen. Zu
beachten ist die Reihenfolge der Sprache: Zuerst tschechisch, das ist klar, dann englisch und dann deutsch. Diese Anordnung der Sprache findet man auch im Nationalpark Thaya, also unmittelbar an der österreichischen Grenze. Die Schöpfer dieser Tafeln werden argumentieren, daß sie das rein nach der Reihenfolge des Alphabetes taten. Sicher, man könnte natürlich auch anders argumentieren: Nach der Häufigkeit der Besucher.
Da überwiegen doch wohl sicher die deutschsprachigen Touristen.
Dann geht es weiter: Der Ausschnitt aus der obigen Tafel sagt folgendes aus:
Hier wird es schon ziemlich bedenklich: Der sogenannte "Anfang der Sukzession" bedeutet im Klartext schlicht und einfach "Vertreibung (der ansässigen deutschen) Bevölkerung". Natürlich ist der objektive Sachverhalt richtig wiedergegeben, aber ist das nicht zynisch!? Die brutale Entvölkerung und deren Folgen einfach mit "Jetzt kommt die Natur zurück" zu umschreiben scheint mir doch mehr als fragwürdig zu sein. Die nächste Tafel, schon ziemlich nah an der deutschen Grenze, erweckt den Eindruck, als sei die Bevölkerung ausgesiedelt worden um dem Nationalpark Platz zu machen, so wie man auch bei Staudammprojekten die Bewohner umsiedelt bevor die Flut kommt. Tatsächlich wurde der Nationalpark erst 45 Jahre nach der Vertreibung angelegt.
Hier heißt es: "Der Auftrag des Nationalparks lautet: Schutz der ungestörten und vom Menschen unbeeinflußten Natur." Und rechts steht: ,, Unsere Nutzungsansprüche an die Natur werden ständig größer, Gebiete der ungestörten Natur werden dadurch ständig verkleinert. Mit welchem Recht.
Dieser Tafelausschnitt sagt es klar:
"Besiedelung Fürstenhut Ehemalige Waldarbeiter-Siedlung an der Grenze. Sie ist erst vor 200 Jahren entstanden, nach dem 2. Weltkrieg wurde sie zerstört. Die Einwohner wurden ausgesiedelt, die Häuser vernichtet. Nur die Natur bleibt."
Die ganze Informationstafel sieht so aus (nächste Seite): Natürlich ist alles, was auf den Tafeln steht richtig, auch, daß die unbeeinflußte
Natur ihren Platz braucht und ein Recht darauf hat. Natürlich kann man das Wandern in einer solchen Natur genießen, aber man sollte sich auch nicht scheuen, auszudrücken, um welchen Preis das gerade hier geschehen ist.
Das große Bild zeigt den Kreislauf der Besiedelung, das ist der abwärts gerichtete dunkle Pfeil, während der aufwärtsgerichtete die Rückeroberung der Landschaft durch die Natur symbolisiert. An die Spitze des dunklen Pfeiles gehört die Vertreibung, die "Entmenschlichung", denn das war ja letztlich die Voraussetzung , daß die Natur sich wieder frei entfalten konnte. Soweit die Gedanken eines einsamen Wanderers. Aber weil die Natur ja nun wirklich schön ist, noch ein Foto ohne kritische Anmerkungen: Blick vom Friedhof der ehemaligen gemeinde Fürstenhut in Richtung Lusen Finsterau.
(Zur Wanderung angeregt wurde ich durch das Manuskript des Buches "Böhmerland" von Franz Strunz, zu dem ich für verschiedene Zeitschriften eine Besprechung schrieb.)